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Mißgünstige Anmerkungen zu einem Interview von Josef Ackermann

(im SPIEGEL Heft 10/2008 S. 79, online hier)

Update 22. November 2008

Dr. Josef Ackermann ist Chef der Deutschen Bank. Er baute tausende von Stellen ab. Der Gewinn erhöhte sich unter seiner Ägide auf 3,529 Mrd. Euro im Jahr 2005, 6,5 Mrd. Euro im Jahre 2007. Er ist nach Porsche-Chef Wendelin Wiedeking der am besten verdienende Manager Deutschlands (2005 ca. 12 Millionen Euro pro Jahr, 2007: 13.981.492 Euro). Einer Verurteilung wegen Untreue im Mannesmann/Esser-Fall entging er durch Zahlung einer Geldauflage von 3,2 Mio. Euro.

Auf die Eingangsfrage des SPIEGEL: Kapitalismus in der Krise? führt Ackermann aus, Deutschland profitiere ganz klar von der Globalisierung, die Arbeitslosigkeit sinke. In Indien und China seien durch die Globalisierung Milliarden Menschen bitterster Armut entronnen.

Hier fällt auf, daß die Frage nicht beantwortet wird. Globalisierung und Kapitalismus sind zwei unterschiedliche Dinge.

Aber lassen wir das dahingestellt. Ackermann unterstellt zwar, daß durch die Globalisierung die Arbeitslosigkeit gesunken sei, erklärt aber nicht den angeblichen Zusammenhang. Meint er, als die Arbeitslosigkeit noch stieg, habe es noch keine Globalisierung gegeben? Die Globalisierung sei erst eingetreten, kurz bevor die Arbeitslosenquote zu sinken begann? Das ja wohl nicht. Oder will er sagen, die Steigerung der Arbeitslosenquote habe zwar nichts mit der Globalisierung zu tun, wohl aber ihre Senkung? Also wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, liegt das an der Globalisierung, wenn sie aber steigt, hat es nichts mit der Globalisierung zu tun? Es ist offensichtlich, daß das Unsinn ist. In Wirklichkeit geht die Arbeitslosigkeit mal rauf und mal runter, Globalisierung hin oder her. Das mit den Milliarden Chinesen und Indern ist genauso lustig. China hat 1,3 Milliarden Einwohner, Indien 1,13 Milliarden. Wenn man davon ausgeht, daß schon vor dem von Ackermann unterstellten segensreichen Wirken der Globalisierung etliche Chinesen und Inder nicht in der bittersten Armut lebten, ferner das Bevölkerungswachstum ins Kalkül zieht und Ackermann beim Wort nimmt, daß Milliarden der bittersten Armut entronnen sind, so dürfte es mittlerweile weder in Indien noch in China überhaupt noch in bitterster Armut lebende Menschen geben. Ich nehme an, Ackermann glaubt dies selbst nicht und hat mit seinen „Milliarden“ einfach übertrieben; halt so dahin geredet, in der Hoffnung, es werden die Leser schon tunlich beeindruckt sein und seine Ausführungen nicht hinterfragen. Aber gesetzt den Fall, es seien zwar nicht Milliarden, aber doch eine große Zahl Inder und Chinesen der bittersten Armut entronnen. Wieso soll das auf die Globalisierung  zurückzuführen sein? Wieder gilt: Dann müßte die Globalisierung etwas Neues sein. Globalisierung ist aber so alt wie die Geschichte, und sie hatte schon immer ein gewaltiges Ausmaß. Sie war da in guten und in schlechten Zeiten. Schon die Phönizier schufen ein riesiges internationales Handelsimperium. Der Kolonialismus fand zu einem guten Teil zum Zwecke der Globalisierung statt – man wollte die Güter der Kolonien für sich haben. Die Weltwirtschaftskrisen aller Epochen, z. B. die von 1929, sind nur denkbar in einer globalisierten Wirtschaft. Wenn es mal besser geht und mal schlechter, dann hat das andere Ursachen als die Globalisierung, mir fallen spontan ein: Krieg und Frieden, technischer Fortschritt, gute und schlechte Regierung, Entwicklung des Klimas. Was wirklich neu ist, ist nicht die Globalisierung, sondern das Argument, wegen der Globalisierung müsse man Sozialabbau und Reichenbegünstigung betreiben. Nur darum geht es Ackermann und seinesgleichen.

Ackermann wird vom SPIEGEL auf die Gerechtigkeitsfrage angesprochen. Er sagt, Gerechtigkeit sei vor allem Chancengerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit, nicht Gleichheit im Ergebnis. Wir hier in Deutschland schauten immer nur auf die Verteilung.

Das ist natürlich geschickt von ihm. Käme es nämlich auf Verteilungsgerechtigkeit an, dann stünde er schlecht da - als grotesk bevorzugt vor dem großen Rest der Menschheit. Was er gegen ein bißchen Verteilungsgerechtigkeit hat, sagt er nicht. Chancengerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit gegen Verteilungsgerechtigkeit auszuspielen, ist ein argumentatorischer Taschenspielertrick.

Aber - sieht es denn mit der Leistungsgerechtigkeit so viel besser aus für ihn? Will er sagen, seine Leistung sei 500mal höher als die eines Lokführers oder einer Krankenschwester? Wahrscheinlich nicht, sonst würde man ihn für irre halten. Deshalb wird er zu dem Punkt wohlweislich auch nicht präziser.

Immer wieder erfreut sein nächstes Argument. Man könne doch nur verteilen, was man erwirtschaftet habe. Das ist zunächst mal nur eine Binsenweisheit. Damit ist die Frage nach der gerechten Verteilung nicht beantwortet. Sollte er damit, ohne es expressis verbis sagen zu wollen, meinen, sein Einkommen sei proportional dem, was er erwirtschafte, so darf ich respektvoll widersprechen. Dann würde er Geldmachen mit Erwirtschaften verwechseln. Was wäre er denn alleine? Nackt und hungrig! Alles wird in Gemeinschaft erwirtschaftet, was zur Schlußfolgerung führen müßte, daß auch alles der Gemeinschaft gehört, wobei das Bankgewerbe, so notwendig es sein mag, doch eine eher parasitäre Stellung einnimmt, weshalb das Zinsnehmen sowohl in Christentum als auch Islam verpönt war. Richard Wagner hat gesagt: Die Welt ist mir schuldig, was ich brauche! Das ist aus Richard Wagners Mund ein sehr berechtigtes Wort. Unterstellt, es gälte auch für Ackermann. 12 Millionen Euro im Jahr braucht er jedenfalls nicht! Meint er etwa, er, nach dem in einigen Jahren kein Hahn mehr krähen wird, habe mehr zum Wohle der Menschheit beigetragen als Richard Wagner, der immer unter Geldnot litt, bis ihn König Ludwig II erlöste?

Dann kommt das Lustigste: Ackermann verweist darauf, daß mehr als die Hälfte der Einkommensteuer von den zehn Prozent Spitzenverdienern komme. Dieses gerne verwendete Argument der Reichen belegt, wenn es stimmt, doch nur, daß die Einkommensverteilung extrem ungleich ist. Ich habe übrigens versucht, seine Behauptung nachzuprüfen. Es ist mir bis jetzt nicht gelungen. In wikipedia fand ich jedoch die Information, daß die veranlagte Einkommensteuer, die 1991 noch 21,2 Milliarden Euro, das waren 6,3 Prozent, zum Gesamtsteueraufkommen beitrug, 2004 noch 5,4 Mrd. Euro, das waren 1,2 Prozent, zum Gesamtsteueraufkommen beitrug. Das relativiert natürlich die "mehr als die Hälfte", die jeden Doofkopp in Ehrfurcht darüber erstarren läßt, wie unsere armen Reichen doch zum Gemeinwohl beitragen.

Dann wendet er sich gegen das Schlechtreden. Er verweist auf die sinkende Arbeitslosigkeit. Steuerhinterziehung - selbstverständlich inakzeptabel, wie er sagt - müsse gegenüber den wirklich existentiellen Fragen relativiert werden. Da hat er natürlich Recht: woher kommen wir, wohin gehen wir, gibt es einen Gott, wie erreichen wir Gerechtigkeit? Das sind natürlich tollere Fragen als die nach Steuerhinterziehung. Ich weiß aber nicht, ob er diese Fragen meint. Auch hier wird er nicht präziser.

Einen "ungezügelten Raubtierkapitalismus" am Werk zu sehen, erklärt er für absurd. Nun ernährt sich das Raubtier dadurch, daß es andere auffrißt. Tja, da ist das Bild doch gar nicht so schlecht, wenn man an Firmenübernahmen, Bankrotte, Firmenshredder, Verlagerung an Billigstandorte, Billiglöhne usw. denkt. Sicher, ganz ungezügelt ist dieser Raubtierkapitalismus nicht. Es gibt ein mehr oder weniger starkes Arbeitsrecht, Kapitalmarktregeln etc. Andererseits sind diese gegenwärtig nicht wirklich imstande, die beschriebenen Phänomene zu beseitigen. Also, so ganz gezügelt ist das Raubtier nicht, oder, Herr Ackermann? Würde einen ja auch wundern, da man mit dem vielen Geld, das man verdient, auch politische Landschaftspflege betreiben und sich seine Presse halten kann. Absurd ist es jedenfalls nicht, den Begriff zu gebrauchen.

Ackermann wehrt sich gegen den Vorwurf, einen abgehobenen Lebensstil zu führen. Er habe schließlich auch einen Familien- und Freundeskreis. Letztere Behauptung beißt sich allerdings mit der Behauptung, die die Spitzenverdiener sehr gerne zur Rechtfertigung ihrer Einkommen anführen, daß sie nämlich 70 Stunden pro Woche arbeiteten, wenn nicht gar praktisch rund um die Uhr. So, daß quasi schon die Zeit zur Körperpflege fehlt, geschweige denn für eine Familie oder einen Freundeskreis.

Ackermann erzählt, er habe immer wieder erlebt, daß manche Freunde und Freundinnen seiner Töchter ganz enttäuscht waren, weil er und seine Familie nicht so leben, wie sie es gedacht haben. Da frage ich mich: was macht er zu Hause, wenn Freunde und Freundinnen seiner Tochter zu Besuch sind? Da müßte er doch für die Deutsche Bank schuften, oder? Abgesehen davon kann es schon sein, daß sein Lebensstil nicht so ist, wie man es erwarten würde. Die Steuerfahnder waren ja auch von Dr. Klaus Zumwinkels Villa enttäuscht, von den vergilbten Tapeten und den billigen Drucken an den Wänden. Es gibt Reiche, die sich nicht mal schöne Tapeten gönnen, weil ihnen Geld mehr wert ist als alles, was man sich dafür kaufen kann - na und? Dasselbe muß man Ackermanns Behauptung entgegenhalten, Oskar Lafontaine lebe prunkvoller als er. Mir sind die Einkommensverhältnisse von Oskar Lafontaine nicht bekannt. Er dürfte saturiert sein. Aber eines ist sicher: was er verdient, ist ein Klacks gegen das, was Ackermann verdient. Daß er gerne das Leben genießt, macht ihn in meinen Augen nicht unsympathischer. Was kann er dafür, wenn er einen besseren Geschmack hat als Ackermann?

Ackermann meint, gar nicht Geld sei ihm das Wichtigste, sondern die Herausforderung. Er erspart uns sodann nicht, zum x-ten Male zu erwähnen, daß er in den USA viel mehr Geld verdienen könnte. Ackermann spricht laut wikipedia fließend Englisch, von daher mag das nicht ausgeschlossen sein. Es wundert allerdings, daß er ausgerechnet ein Land wie die USA heranzieht und nicht etwa Japan (OK, Japanisch kann er nicht), wo der Toyotachef mit etwa 260000 Euro im Jahre nach Hause geht, ohne daß dies die Leistung von Toyota im Vergleich mit den US-Autobauern, deren Chefs das zigfache verdienen, schmälert - um es vorsichtig auszudrücken. Inzwischen, wir schreiben nun November 2008, würde er wohl die USA nicht mehr ernsthaft in Erwägung für seine Berufspläne ziehen, er würde möglicherweise auch gar keinen Job mehr finden, weil seine dortigen Kollegen die Branche in Grund und Boden gewirtschaftet haben.

Zur Subprimekrise in den USA, die auch in Deutschland etliche Banken ins Trudeln gebracht hat, meint er, es sei doch sozial, auch Leuten mit niedrigem Einkommen den Erwerb von Wohnungseigentum zu ermöglichen. Na, so war das nicht gedacht. Die Banken dachten vielmehr nach guter alter Raubtierkapitalistenart in der Neutronenbombentheorie: kommt es zur Zahlungskrise, dann müssen zwar die Eigentümer dran glauben, die pfänden wir und schmeißen wir raus, der Sachwert, die Immobilie, aber bleibt, und damit sind wir auf der sicheren Seite. Sie waren zu blöd, zu sehen, daß die Immobilienpreise auch mal sinken können. Immerhin, die Deutsche Bank scheint gut aus der Krise herauszukommen[1]. Das ist allerdings der aktuelle Wissensstand, was noch kommt, wissen wir nicht. Den für 2008 auch im Schatten der Immobilienkrise noch angestrebten Vorsteuergewinn von 8,4 Mrd. Euro (2007: 8,7 Mrd. Euro) meint die Deutsche Bank nun nicht mehr erreichen zu können.

Der SPIEGEL spricht Ackermann darauf an, er habe in großem Maße auf einen Wertverfall der Ramschhypotheken gewettet. Er fragt, wieviel Ackermann damit verdient habe. Ackermann lacht: "Ich bin ein großer Freund von Transparenz. Aber es gibt auch eine Transparenz, die zu weit geht." Sehr neckisch, allerdings ginge es nicht zu weit, zu erfahren, wie viel er mit dieser Spekulation verdient hat, während andere sich in Grund und Boden wirtschafteten. Anton Wilhelm Stolzing vermutet: Die 13.981.492 Euro Jahresgehalt sind nur die Spitze des Eisbergs.

Lieber Leser, findest Du, Ackermann vertrete seine Sache schlecht, angesichts der Albernheit seiner Argumente? Das hieße, ihm Unrecht tun. Er ist schließlich intelligent. Er macht das Beste draus. Für seine Position gibt es keine besseren Argumente. Sie ist schlicht nicht zu rechtfertigen, und redete er auch mit Engelszungen.



[1] Mittlerweile wurde allerdings bekannt, daß die Deutsche Bank im ersten Quartal 2008 einen Verlust von 254 Millionen Euro gemacht hat. Keine Peanuts, aber man beruhigt sich damit, daß man immer noch weit besser dasteht als andere.

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