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Ein Erlebnis mit der belgischen Eisenbahn

Vor ein paar Monaten hatte ich beruflich in Brüssel zu tun. Zum Rückflug war ich knapp dran. Deshalb konnte ich im Bahnhof kein Ticket für den Zug zum Flughafen mehr kaufen. Ich hatte Glück, den Zug überhaupt noch zu erwischen. Dumme Sache, dachte ich. Wenn ich Pech habe, muß ich einen Schwarzfahreraufpreis zahlen; vielleicht habe ich aber auch Glück und sie begnügen sich mit dem Zuschlag für das Nachlösen im Zug, der in Deutschland auch ein hübsches Sümmchen ausmacht.

Der Schaffner kam. Ich sagte ihm: "Leider war ich zu spät dran, um noch ein Ticket zu kaufen." Die Antwort: "Kein Problem, mein Herr, Sie können eines bei mir kaufen." So geschah es. O Wunder, es kostete keinen Cent mehr als im Bahnhof.

Ein interessantes Erlebnis, aber ich plante zunächst nicht, darüber zu schreiben.

Da sah ich heute, am 16.11.2010, eine Frontal21-Sendung im ZDF, über Praktiken bei der Deutschen Bahn.

Wie wäre es in Deutschland gelaufen? Zumindest der saftige Nachlösezuschlag wäre auf jeden Fall fällig gewesen. In den Zügen des deutschen Regionalverkehrs aber, und der Airportexpress in Brüssel würde mutatis mutandis wohl darunter fallen, gibt es keine Nachlösemöglichkeit mehr. Auch keine Automaten. Wer ohne oder mit falscher Fahrkarte erwischt wird, wird, und da gibt es keinen Ermessensspielraum für die Schaffner, als Schwarzfahrer zur Kasse gebeten. Daß man möglicherweise mit einem der berüchtigten DB-Fahrkartenautomaten nicht zurechtkam, wegen des komplizierten Tarifsystems ein falsches Ticket erstand oder, an einem der Bahnhöfe, wo es noch Schalterpersonal gibt, nicht mehr die Zeit hatte, sich in eine der langen Kundenschlangen einzureihen - ganz egal! So wäre es mir also in Brüssel ergangen, wenn der Zug nicht zur SNCB (Belgische Staatsbahn), sondern zur DB gehört hätte. Was ich nun in Frontal21 hörte, erschütterte mich: Die DB setzt Testkunden ein, die dem Schaffner gegenüber so tun, als hätten sie kein Ticket. Ein Schaffner, der ein Auge zudrückt, muß mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen bis hin zur Kündigung rechnen! Die Bahn zahlt den Schaffnern Prämien für erwischte "Schwarzfahrer". Wer nicht genug Schwarzfahrgebühren kassiert, wird in einem "Mitarbeitergespräch" ermahnt, in Zukunft reichere Beute zu machen. Wen wundert es bei einer solchen Arbeitsatmosphäre, wenn Begleitpersonal, solchermaßen auf Aggressivität getrimmt, wie letzten Winter mehrmals in den Medien berichtet, selbst Kinder mitten auf der Strecke an die Luft setzt, wenn diese kein oder nicht das richtige Ticket haben. Kommt ein solcher Fall dann an die Öffentlichkeit, ist der Schaffner/die Schaffnerin der Sündenbock, während die Damen und Herren in den Chefetagen ihre Hände in Unschuld waschen.

Ich finde keine Worte, um meinem Abscheu vor diesen widerwärtigen Praktiken der Deutschen Bahn angemessen Ausdruck zu verleihen. Einmal mehr sehe ich mich in meiner Überzeugung bestätigt, daß der Weg der Bahnprivatisierung ein Irrweg ist. Man kann nicht gleichzeitig einem guten Bahnverkehr dienen und dem Mammon.

Der neue Bahnchef, Grube, kommt in der Öffentlichkeit viel besser rüber als Rambo Mehdorn, sein Vorgänger. Aber er wurde von Gewerkschaftsseite erst intern, dann in aller Öffentlichkeit, wie ebenfalls in der Frontal21-Sendung zu sehen, auf die oben beschriebenen unhaltbaren Zustände hingewiesen und tut nichts dagegen.

Fortiter in re, suaviter in modo, sagt der Lateiner, und das bedeutet: Umgänglich im Tonfall, aber knallhart in der Sache. Vermutlich lernt man das heute in den Managerschulen, und Herr Grube hat gut aufgepaßt.

Die Deutsche Bahn ist ein hoffnungsloser Fall. Schluß mit der Privatisierung!

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