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United States Postal Service - die amerikanische Post

Als ich im Frühling und im Sommer des Jahres 2008 durch Neuengland fuhr, da fiel es mir auf, daß auch in der kleinsten Gemeinde ein schmuckes Postamt steht. "Nanu," dachte ich, "Postämter in den USA, diesem Land der Privatwirtschaft, diesem großen Vorbild aller Neoliberalen? Ist da nicht längst alles privatisiert?" Ich machte mich kundig und war verblüfft:

Die amerikanische Post ist kein Unternehmen, wie mancher vielleicht denkt, sondern eine unabhängige Behörde der Regierung der Vereinigten Staaten. Sie hat behördliche Gerichtsimmunität und sogar Enteignungsrecht. Sie hat ein Briefmonopol und das alleinige Recht zur Nutzung der Privatbriefkästen.
Diese Post wurde bereits 1775 unter der Leitung von keinem Geringeren als Benjamin Franklin gegründet.
Sie findet sich in Art. 1 der US-Verfassung. So wichtig war sie den Gründervätern, und durch alle Jahre des Liberalismus und der Privatisierung, durch Monetarismus und Reaganomics hindurch blieb sie erhalten.
Die amerikanische Post wird von einem Verwaltungsrat geleitet, von dessen elf Mitgliedern neun vom amerikanischen Präsidenten ernannt werden. Diese wählen dann als zehntes und elftes Mitglied den Leiter der Post, den Postmaster General, und einen stellvertretenden Postmaster General, der für das Tagesgeschäft zuständig ist.

Die amerikanische Post ist der drittgrößte Arbeitgeber der USA, nach Verteidigungsministerium und Walmart. Sie beschäftigt über 785.000 Mitarbeiter. Sie verfügt über eine Fahrzeugflotte von über 260.000 Fahrzeugen, die größte der Welt. Postautos tragen kein Nummernschild. Die amerikanische Post hat ihre eigene Polizei.
 
Und in Deutschland? In diesem Land, wo man unter  dem Radikalenerlaß von Willy Brandt (SPD) nicht einmal Briefträger werden durfte, wenn man DKP-Mitglied war, da hielt man es wenige Jahre nach diesem Erlaß für angebracht, die Post zu privatisieren. Diese privatisierte Post schließt nun die Postämter, beauftragt überforderte Einzelhändler mittels ausbeuterischer Verträge mit dem Erbringen der Postdienstleistungen, häuft Milliardenverluste an bei der mißlungenen Expansion in die USA , baut Briefkästen ab, belastet die Briefträger bis zur Grenze der körperlichen und seelischen Leistungsfähigkeit und verlangt von der Politik, daß sie nur noch an fünf Tagen in der Wochen zur Zustellung verpflichtet sei, nicht ohne treuherzig zu versichern, selbstverständlich wolle man von dieser Freiheit keinen Gebrauch machen. Ihre neue private Konkurrenz macht derweil durch Hungerlöhne von sich reden und ist beleidigt bzw. geht in Insolvenz, wenn im Postsektor ein Mindestlohn eingeführt wird. Deren Briefträger sind teilweise so unqualifiziert, daß sie nicht einmal an die richtige Hausnummer zustellen – ich habe es selbst mehrere Male gesehen. Die Politik, die so etwas zuläßt, tut so, als käme es auf Qualität im Postdienst überhaupt nicht an.

Warum nur, warum, müssen wir sogar die USA in unserer Privatisierungswut übertreffen?
Ist das der deutsche Nationalcharakter – daß man alles, was man macht, besonders gründlich machen will, wobei man häufig noch das Falsche tut? So wie man beim Kriegeführen gleich auf die Weltherrschaft aus ist? So wie man beim Autobauen gleich einen 1000 PS-Bugatti und Monster wie Porsche Cayenne, VW Touareg, Audi Q 7 V 12 TDI Quattro usw. bauen muß? So wie man denkt, es sei Freiheit, wenn man mit 250 Sachen über die Autobahn brettern kann - aber sich nichts dabei denkt, große Teile des Straßennetzes für Radfahrer, Fußgänger und Reiter zu sperren? So wie man meint, man müsse „wegen der Bevölkerungsüberalterung“ die staatliche Rente abbauen, als sei die private Rente in irgendeiner Weise demographieresistenter?
Sollte Arthur Schopenhauer doch Recht gehabt haben mit seinen Sprüchen über die Deutschen: „Den Deutschen hat man vorgeworfen, daß sie bald den Franzosen, bald den Engländern nachahmen: das ist aber gerade das Klügste, was sie thun können: denn aus eigenen Mitteln bringen sie doch nichts Gescheutes zu Markte" und "Ich lege hier für den Fall meines Todes das Bekenntniß ab, daß ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwänglichen Dummheit verachte, und mich schäme ihr anzugehören"? Von diesen Sprüchen habe  ich lange nichts gehalten. „Hat nichts zu bedeuten, er war halt ein Schandmaul“, dachte ich. Aber inzwischen halte ich es für möglich, daß es tiefere Einsicht war.

Oder haben wir Deutschen nur besonders Pech mit unseren Politikern? Pech, für das man nichts kann? Dafür spräche, daß die Bürger ja, was die Privatisierungen betrifft, nicht gefragt wurden. Sie wurden vor keine Wahl gestellt. Die Politik arbeitete mit dem Mittel des fait accompli. Plötzlich war die Privatisierung da, und man tat so, als sei dies kein menschengemachtes, sondern ein Naturgesetz, für das man naturgemäß auch als Politiker keine Verantwortung trägt.
Wie dem auch sei, die Notwendigkeit ist klar: das Kind ist in den Brunnen gefallen, es muß wieder raus! Die Post muß als Behörde betrieben werden. Für vernünftige Bürger ist das ein Wahlprüfstein. Wir dürfen nicht amerikanischer sein als die Amerikaner selbst.

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